Montag, 9. März 2009

Mehr Baß, bitte! Ein paar Emersons in St. Gallen

Ende Januar hatte David Finckel einen Bandscheibenvorfall. Das Emerson String Quartet betrachtet sich als künstlerische Einheit und spielt ohne ihn nicht im Quartettbesetzung. Schwere Zeiten für ein Streichquartett. Laut Programmheft: "Die Musiker machen aber aus der Not eine Tugend und stellen solistisch sowie in Duo- und Trioformation faszinierende Kammermusikwerke vor, die ansonsten von solch hochkarätigen Musikern schwerlich (sic!) im Konzert zu hören sind."
Trotz allen Faszinierens ist Kammermusik ohne Baß immer eine harmonisch kopflastige Angelegenheit, es gibt nicht ohne Grund nur wenig und selten aufgeführte Literatur, und die ist auch eher für den Hausgebrauch.
Zudem war das Programm des Emerson String Trios mit Ralph Kirshbaum ungefähr ähnlich konsistent wie ein Kammermusikabend der Musikschule Hintertupfingen, wenn auch besser gespielt: eine Auswahl aus Bartóks Violinduetten und das Dvořák-Terzett, garniert mit Bachs Chaconne für ein wenig Virtuosentum. Die zweite Hälfte wartete mit einen umfangreichen und tatsächlich sehr schönen Mozart-Divertimento für Streichtrio auf - da sieht man, was ein Cello ausmachen kann.
Mr. Drucker kann eindrücklich über die Bachsche Chaconne schreiben und hat die Partiten ja anscheinend auch eingespielt - seine Interpretation am Freitag wirkte nicht sehr souverän, lückenbüßerisch, "ein bißchen zu groß". Überhaupt schien "Mein Name ist Eugen" Drucker ziemlich außer Form - das ging von etlichen intonatorischen Unsicherheiten bis zum konsequent verpatzten Trillerlauf bei Mozart, wo er immerhin drei Versuche gehabt hätte. Müde sah er aus, massierte sich zwischendurch immer wieder die Finger der linken Hand. Sein Co-Primgeiger Setzer im egalitären Emerson Quartett war dagegen ziemlich unterbeschäftigt. Sollte Drucker auch noch ausfallen, müssen Setzer und Dutton dann Duett-Abende mit Haydn und Mozart geben?
Bach-Partiten höre ich auch lieber in Gänze. Statt der Chaconne hätte ich mir von Kirshbaum und Dutton die "obligaten Augengläser" gewünscht - wozu engagiert man einen Weltklasse-Ersatzcellisten, wenn man ihn nicht einsetzt? (vielleicht lag es daran, daß sein Cello laut Programmheft "sehr selten" war)
Ein Lichtblick war Lawrence Dutton, der mit enthusiastischer und leicht exzentrischer Mimik und Gestik die Bratsche traktierte; die Plätze im vorderen Parkett lohnten sich schon wegen des exzellenten Blicks auf seine Duct-tape-verzierte Notenmappe.
War es der Abend wert?
Pro: Wir waren bei IKEA. Mr. Dutton. Der Mozart-Variationensatz.
Contra: Das Programm. Müde Herren. Schneesturm auf der Rückfahrt. Etro-Sakkos sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Wir wünschen Mr. Finckel gute Besserung. Und zwar schnell.

Kommentare:

Sadik hat gesagt…

Eviva Lorenzo Duttone!

avocadohead hat gesagt…

Evviva! Evviva!