Sonntag, 2. Mai 2010

Meistersingerei im Opernhaus Zürich


Die Voraussetzungen waren in toto nicht die besten. Gerade eine Grippe hinter sich gebracht zu haben und dann die Meistersinger als Wiederaufnahme. Aber, um dies sogleich vorweg zu nehmen, ich war aufs Angenehmste überrascht in allen Belangen. Zunächst einmal eine unschöner Beginn: Wer kam eigentlich auf die – pardon – schwachsinnige Idee an der Abendkasse des Opernhauses Sozialamtsatmosphäre zu schaffen. Man zieht um seine vorbestellten Karten zu bekommen eine Nummer und wartet den Durchgang zum Restaurant Belcanto und zur Kulinarabteilung vor dem Bernhard-Theater blockierend bis diese Nummer mit dem amtstypischen Läutsignal aufgerufen wird. Dann darf am am Schalter sein Anleigen vortragen. Wenn man alsdann für eine Karte rund 250 SFR bezahlt hat, kommt man sich schon sehr, sehr – ich formuliere vorsichtig – komisch vor. Hier ließen sich doch sicher andere Lösungen finden?

Die Lehnhoffsche Inszenierung ist immer noch angenehm schlicht, nur in der Festwiesenszene etwas klassizistischer Pomp auf der Bühne. Der erste Akt sehr solide in einer Kirche, deren Bänke zur Singschule umgestellt wurden und eine Vielfältig einsetzbare Kanzel. Auch der zweite Aufzug überzeugte durchaus, eine einfache ins Arriere laufende Treppe, vor der Sachs sein Schustertischchen aufgestellt hat und von deren oberem Ende der Nachwächter (solide mit leicht fremdländischen Accent Tomasz Slawinski) die frühsommerliche Keilerei beendet. Sogar der ein oder andere Regieeinfall lockerte die Szenerie auf – auch wenn Walther und Eva sich nur im Kästchen des Maestro suggeritore verstecken und Lene aus der ersten Seitenloge interagiert. Der Dritte Akt im Hause Sachsens ist dann sehr mit Büchern belastet und gerät etwas in die Länge, aber das ist verzeihlich, weil der Übergang zur Festwiese erstaunlich nett gerät. Man hat selten erlebt, dass eine Bühne sich so anmutig weitet. Als sehr angenehm sei noch konstatiert, dass die Inszenierung auf irgendwelche mittlerweile sehr zur Üblichkeit gewordenen Nazibelehrungen verzichtet: Sachsen Bücher werden nicht verbrannt, Beckmesser ist kein chassidischer Jude und keine Saal-SS patroliert auf der Festwiese. Ob das Publikum soviel Glück bei Homoki auch gehabt hätte?

Das Dirigat Phillipe Jordans war eine rundum überzeugende Sache, schwungvoll und stilgerecht ging es zur Sache. Man verlor nie das Gefühl, im musikalischen Geschehen zu sitzen und hörte doch zugleich, mit wieviel Detailkenntnis und –bewusstsein der junge Maestro zu Werk geht. Einzig versäumte er es, im dritten Aufzug nach dem Wahnmonolog die orchestrale Fahrt wieder aufzunehmen, was dem Fluss und der Kurzweil bei der Liedtaufe doch sehr unzuträglich war und die Standfestigkeit der Sänger beanspruchte. Das Orchester zeigte sich in guter Verfassung, die in Zürich obligatorischen Hornflatulenzen fielen da nicht weiter ins Gewicht. Auffallend war der ausgezeichnete Bühnenkontakt des Grabens und seines Chefs; hoffen wir, dass Gatti und Luisi dass auch nur ansatzweise so hinbekommen, bisherige Testläufe verheißen nicht ausschließlich Gutes. Der Opernchor war gut einstudiert, eine gewisse Neigung zur Überlautstärke scheint derzeit unter Opernchören üblich. Ob das immer zum Vorteil gereicht, naja.

Die Sängerbesetzung konnte an diesem Abend durch die Bank überzeugen. Die Meistersinger waren durchweg mit alten Zürcher Bekannten besetzt, Cheyenne Davidsons Fritz Kothner zeichnete sich durch eine wohlbekannte, hupige hohle Kehle aus, ansonsten darf man keine Beanstandungen vorbringen – man hört das nirgendwo besser und netter. Matti Salminen als Veit Pogner wirkte etwas erschöpft und ließ die höheren Töne (Weise, Pogner und Eva) in bewährte Weise eher erdig angehen; er hat das schon besser gesungen, aber er war mir auch noch nie so sympathisch wie an diesem Abend – nun schuf ihn Gott zum reichen Mann, und ja, er gibt uns wie er kann. Möge das noch lange der Fall sein.

Edith Haller gab eine sehr blonde Eva, ihre Töne waren nicht immer auf der notierten Tonhöhe und sie neigt etwas zur Flächigkeit; was die Karriere ihr bringen wird, steht noch in den Sternen, vielleicht hat sie sich etwas zu rasch den großen Partien verschreiben lassen. Doch lassen wir das Kritteln – wer sollte gerade eine hübschere und sanglich rundere Eva geben? Wiebke Lehmhuhl ließ eine sehr weiche und gelenke Lene auf die Bühne treten, die aber im Gefecht zum Ausgang des zweiten Aktes durchaus Pfeffer und Feuer sprühen lassen konnte. Ihre reine und bei Bedarf sehr kräftige Stimme macht Hoffnung, auch wenn ihr die volle Fülle zum runden Mezzo noch ein kleines Bisschen fehlt.

Robert Dean Smith als Walther kann für sich ins Feld führen, dass es zu Zeit wenige Sänger gibt, die diese Partie wirklich adäquat beherrschen, und dass die Partie einfach extrem ungnädig ist. So konzedieren wir an diesem Abend seine verhärteten Zwischentöne, seine stentorhaften Anfälle nördlich des E und seine Affinität zum Quetschen. Man kann positiv feststellen: Er hat nicht nachhaltig gestört, und das ist für einen Stolzing dieser Tage schon eine ganze Menge. Das eigentliche Highlight des Abend und weder live noch auf Tonband/Festplatte/Plastik so von mir vernommen war Adrian Eröd als Sixtus Beckmesser. Mit einer absoluten Raumbeherrschung auf der Bühne und einem warmen, den Raum voll fassenden und tragenden Bariton trug er die Rolle des Stadtschreibers in eine neue gesangliche Dimension: Klarste Textverständlichkeit, absolute stilistische Sicherheit, nicht ein Hauch vom Hang, die Rolle in den Bereich der Lächerlichkeit zu führen, und vor allem sein Wille und seiner Fähigkeit zur gesanglichen Gestaltung lassen nur darum hoffen und bitten, ihn doch möglichst öfter an diesem Hause hören und sehen zu dürfen.

Bleibt noch das Schusterpärchen: Peter Sonn ist ein lustiger, äußerst textklarer David, der die buffonesken Fallstränge der Partie mit Bravour meistert. Er muss nicht schreien, er kann gestalterisch sicher die vielen und undankbaren Noten und Weisen mit lockerem Schmelz klingen lassen, eine Überforderung stand für seine noch etwas weiße Stimme an keiner Stelle zu befürchten. Anderes schien da für den Altmeister der Bass-Bariton-Partien zu gelten; Alfred Muff war eine ausgezeichneter Wotan, ein fast unerreichter Holländer und ein nie wieder erreichter Barak. Aber einen Sachs? Ich muss ihn für meine Zweifel um Verzeihung bitten. Im ersten Akt noch zurückhaltend singt er sich in die mörderische Partie des Schusterdichters und Stadtlieblings, die schon immer vorhandene Neigung zum Deklamieren der kurzen Noten kommt der Rolle geradezu bilderbuchmäßig zu Gute; spätestens mit dem Fliedermonolog war klar, dass hier ein wirklicher und bedeutender Hans Sachs auf der Bühne steht; allenfalls Struckmann wird derzeit Vergleichbares bieten können. Das Ende des dritten Aktes musste Muff zwar mit drei Sängerpastillen in Angriff nehmen, aber wer könnte ihm das bei dieser Partie auch verdenken? Volle Höhen und klare Sprache ließen da kleinere tonliche Höhenverfärbungen als kaum störend erscheinen. Was wollt ihr von den Meistern mehr?

Nach etwas mehr als 6 Stunden (inklusive zweimal etwa 35 min. Pause) war der Abend zu Ende und ich mit den Meistersingern von Nürnberg versöhnt, auch wenn einem der letzte Akt dann doch etwas Sitzfleisch abverlangte. Eine rundum runde Sache. Man versteht in Zürich Wagner zu geben, das lässt auf die nächste Saison mit Tannhäuser und Parsifal hoffen. Mögen wir nicht enttäuscht werden.


Rudi jazzt Beethoven mit den Wilden

Ohne romantisches Gesülze und mit viel Energie schmettert Rudolph Buchbinder alle fünf Klavierkonzerte an zwei Abenden vor die Ohren der Konstanzer zusammen mit der Südwestdeutschen Philharmonie. Zusätzlich hatte er die Leitung (O-Ton zum Orchester: "Ich bin kein Dirigent!") des Konzertes [Nr. 2, 3, 4 (Sa.) und Nr. 1, 5 (So.)].


Buchbinder überzeugt durch seine "aromantische" (nicht aromatische!) Spielweise, die vielleicht eine Art repräsentiert, wie Beethoven auch gespielt haben mag. Sehr wuchtige Akkorde, die für Sensible vielleicht zu geschlagen klingen, dafür entschädigt er mit hauchzarten Melodien an lyrischen Stellen.

Er unterbricht das Orchester in der Generalprobe für die Nummern 1 und 5 nur einmal und zwar im Rondo des C-Dur Konzertes, kurz nach dem "Jazz"-Thema (erstes Klavierthema nach dem zweiten mal Thema A im Orchester, siehe Abbildung*).



Daraufhin spielt er den Anfang der "Mondschein-Sonate" und verjazzt diese, dann das gleiche mit dem Anfang von Schumanns Klavierkonzert. Er gibt Anweisungen an das Orchester und sie beginnen noch einmal an der Stelle. Man möchte synkopisch mit schnippen, wenn man das hört!

Den selben Effekt erzielt er im Finalsatz des Es-Dur Konzerts in der B-Dur Stelle (siehe Abbildung*). Eine solche Artikulation, wie Buchbinder sie ausübt, ist eindeutig an Jazz angelehnt.



Ingesamt spielt Buchbinder mit viel Brillanz und wenig Brimborium, das heißt wenig affektierte Bewegungen und Romantifizierungen. Trotz seiner Aufgabe als Dirigent strahlt er eine unglaubliche Ruhe und Sicherheit aus und schafft eine besonders effiziente Art der Kommunikation mit dem Orchester.

Alles in allem ein sehr bereicherndes Konzert und der sympathische Herr, der am Ende der Konzerte auch signierte, bekam stehende Ovationen vom Gros des Publikums!


*Quelle: http:/IMSLP.org

Dienstag, 22. Dezember 2009

Streckenweise geruhsam

Ach, Ihr lieben Würzburger! Müßt Ihr Euch zum Husten, Schwatzen und Türenknallen ausgerechnet den Variationensatz des Kaiserquartetts aussuchen!
Insbesondere, da er vom Leipziger Streichquartett ausgesprochen schön musiziert wurde: schlank und gläsern, dadurch gelegentlich fast dissonant, ohne falsch zu sein - bewegt, aber nicht hastig.
Alles in allem war die an diesem Ort vielfach beschworene Rasanz wohldosiert eingesetzt: meist nur ein einzelner virtuoser Satz, typischerweise das Finale, ansonsten waren die Tempi geerdet, und fühlten sich schlicht richtig an, dem Charakter des Einzelsatzes angemessen.
Neben dem Haydn standen noch Mendelssohn op. 13 und Schumann op. 41/3 auf dem Programm, was auf den ersten Blick gefällig und nicht sehr ausgesucht wirkte. Es spricht für die Leipziger, wie sie die Bezüge zwischen den Stücken in Szene setzten: im Haydn schlugen sie mit fast Beethovenscher Dynamik einen Bogen in Richtung Romantik, die Finalreminiszenz aus dem Kopfsatz im Mendelssohn klang nach Schumanns Kunstgriffen, während die punktierten Geigenfiguren und bordunähnlichen Bässe in Schumanns Finale zu Haydn zurückführten.

Überhaupt der Schumann: Schumanns Quartette machen es dem Hörer nicht leicht, man verliert gerne den Überblick über die Satzstruktur und wünscht sich generell einen roten Faden in all dem romantischen Überschwang. Nicht, daß Schumanns ausladendes Werk, das die ganze 2. Hälfte füllte, bei den Leipzigern methodisch geklungen hätte; der Zuhörer ließ nur das Programmheft sinken, staunte und genoß: die symphonische Klangfülle, die im Haydn gottseidank und im Mendelssohn leider noch ein bißchen fehlte, die himmlischen Längen im langsamen Satz.

"Eigentlich hatten wir an dieser Stelle einen weihnachtlichen Choral vorbereitet, aber ich habe die Noten vergessen. Also spielen wir etwas, was Sie vielleicht schon von uns kennen..."

Immerhin verstand das Publikum, daß dieser schlicht-bewegenden Zugabe nun wirklich nichts hinzuzufügen war, man applaudierte dezent und ging.

PS: Ich höre die Herren im Februar in der Carnegie Hall.

Kampfknutschen im Hochhaus

Heute wieder bei Arte im Programm: Oper an unwirtlichen Orten. Das Stadttheater Bern will nicht hinter Zürich zurückstehen und produziert La Bohème en banlieue.
Alles in allem handelte es sich um ein sehr ordentliches Schweizer Hochhaus, mit gediegenem Waschkeller, Panoramafenstern und Vorgarten. Hätte man das Stück in der Pariser Banlieue oder in der Platte gespielt, wäre die Inszenierung vielleicht doch durch den gelegentlichen spontanen Pflasterstein oder einen dezenten Molotovcocktail aufgepeppt worden, hier gab es höflichen Applaus, und Hausbewohner, die den Sängern brav die Fertigpizza in den Kühlschrank räumten. Der einsame Graffitti-tag an der Betonwand wirkt, als habe man ihn extra für die Oper aufsprühen lassen. Für das Einkaufszentrum im 2. Akt zeichnete übrigens Daniel Libeskind verantwortlich.

Rodolfo beim ungelenken Grimassenschneiden während Mi chiamano Mimì zuzuschauen, war amüsant (selten so gelacht bei der Arie), offensichtlich war das Stück seiner Libido deutlich zu lang, sie gingen sich auch relativ unverzüglich an die  -äh-  Oberbekleidung. Man bot alles in allem eine solide Sängerleistung, insbesondere in den beiden letzten Akten. Könnte sein, daß sich das gute Berner Stadttheater da etwas aufgepeppt hat…

Insgesamt schien das Konzept nicht schlecht aufzugehen, vielleicht auch, weil es trotz Liveeinspielung mit gut koordinierter Zuschauerbeteiligung so offensichtlich ein Fernsehfilm war, bei dem anständiges Regietheater dem technischen Aufwand vorgezogen wurde. Zwischendurch wurden bodenständige Anwohner und niedliche Kinder mit Zahnlücken interviewt, um die Umbaupausen zu überbrücken, das war zum Teil etwas schmerzhaft. 
In der Mall war das Orchester vor McDoof postiert, praktisch, dann kann man seine McNuggets schon während der Oper organisieren und muß nicht immer an den Konstanzer Bahnhof fahren.
Der Bus, der die tote Mimi wegfährt ("Endstation", haben die unser Blog gelesen?),  ist ordentlich-umweltbewußt mit Biogas betrieben. Manchmal muß man die Schweiz einfach lieben.

Montag, 7. Dezember 2009

München ist auch nicht schlecht

Wer in der Provinz wohnt, muß sich zu helfen wissen. Gut, wenn man aus alten Zeiten noch haufenweise kulturbeflissene Freunde in diversen Großstädten mit ausreichend Gästesofas hat. Am letzten Donnerstag fanden wir uns also im Münchner Herkulessaal zum Stelldichein mit dem BR-Orchester unter David Robertson und Vadim Repin ein. Das Programm war tendenziell ohrenfreundlich, aber doch mutiger als die ewige Würzburger Mozart-Mendelssohn-Leier: das Brahms-Konzert op. 77, in der zweiten Hälfte dann Ravels Valses nobles et sentimentales und Skrjabins Poème de l'extase.
Auf die Gefahr hin, als analfixierter Akustiker verschrien zu sein, erst zum Saal: Trotz der sehr ähnlichen Bauweise hat mich der Herkulessaal deutlich mehr überzeugt als der große Saal der Tonhalle: Auf der Galerie, Mitte links, relativ nah an den ersten Geigen, war der Klang ausgeglichen und transparent, dabei aber durchaus nicht trocken. Die Höhen waren freilich ziemlich schrill. Schade um die lyrischen Partien im Brahms.
Der ist  jedem Zuhörer sattsam bekannt - im Konzert hatte ich ihn allerdings noch nicht gehört. Die Interpretation war durchaus sportlich, insbesondere im rubatofreien Einstieg der Sologeige im ersten Satz. Repin, der nur am Anfang noch etwas schlampte, beeindruckte in der virtuosen Attacke, die lyrischen Passagen waren mir persönlich etwas zu offen, zu wenig intim. Vielleicht störten da auch die spitz übertragenen Höhen.
Mitreißend war das Rondo: da stolperten die Synkopen und rhythmischen Schiebungen in den tanzenden Dreiachteltakt, daß es eine Freude war, kleine Details wie die Streicherschnulpen in der Stretta bekamen gestaltende Kraft und Repins fröhlich-kräftiges Zupacken sorgte für Spaß auf und vor der Bühne.
Nach der Pause machten sie mit Ravel etwas gedämpfter weiter. Das aufgestockte Orchester glänzte jetzt solistisch und spielte wacker und nicht allzu sentimental, aber zum Walzer hätte man sich an dieser Stelle, wenn nicht Kaffee und Sachertorte, doch grünen Tee und ein, zwei Petit fours zur Stärkung gewünscht.
Inzwischen war es auf dem Podium gehörig voll, inklusive 8 Hörnern, Baßtuba, Kontrafagott, Celesta, Glocke, und man produzierte gekonnt Extase.
Schlußapplaus. Zwei Eindrücke: Mann, das war mal richtig laut. Kriegen wir das nochmal langsam zum Mitschreiben?