Donnerstag, 29. Januar 2009

Trübe, zunehmend heiter: Sol Gabetta in Friedrichshafen

Schon in der Zufahrt zum Parkhaus stauten sich die dicken Limousinen - Friedrichshafen (über 50) strömte im Sonntagsstaat ins Zeppelinhaus. Etwas erstaunlich für ein Kammerkonzert, auch wenn die Solistin jung, zierlich und blond und nebenbei auch eine exzellente Cellistin ist.
Oh. Doch die "Wiener Johann Strauss Gala".
Zwei Stunden Walzer am Stück würden einige von uns in die Nervenklinik befördern. Der weniger widerstandsfähige Teil des Publikums ging also in den Ludwig-Dürr-Saal, wo Gabetta mit dem finnischen Pianisten Henri Sigfridsson Werke von Beethoven, Schostakowitsch, Franck und Ginastera spielte.
Später Beethoven (op. 105/2) ist wohl weder für Publikum noch für Solisten etwas zum Warmspielen. Gabetta schien sich nicht sonderlich wohlzufühlen, sie spielte akzentarm, abgehoben und karg; von Cello weggeneigt, als sei es ein Fremdkörper, das Gesicht zu einer Leidensgrimasse verzogen, weder mit dem Pianisten noch dem Publikum im Dialog.
Vielleicht verzweifelte sie am Raumklang. Der Saal, holzgetäfelter Seeschwabenchic, war eine akustische Sahara, das Cello wurde vom Flügel plattgewalzt (hätte man den nicht etwas zuklappen können?), der obendrein in den tiefen Bässen ziemlich verstimmt zu sein schien. Senza-vibrato-Bögen klingen in so einem Ambiente einfach kläglich.
Der Schostakowitsch (op. 40) geriet besser, besonders in den schnellen Sätzen. Gabetta hat offensichtlich eine Vorliebe für Schostakowitsch, wenn man sich ihre CD- und Konzertprogramme ansieht - oder ihr einfach beim Spielen zusieht. Bei flotteren Tempi führt sie mit dem Cello wahre Tänzchen auf, aber leider schien sie auch diesmal bei zarteren Passagen Mühe zu haben.
Nach der Pause war die Solistin wie ausgewechselt - konzentriert statt gequält, mehr zum Klavier gewandt. Cesar Francks umgearbeitete Violinsonate mag kein so starkes Stück wie der Schostakowitsch sein, war aber durchweg gut geraten, voll spätromantischem Schmelz.
Ebenfalls häufig im Programm ist Ginasteras Pampeana Nr. 2: sie spielt das Stück mit Verve, Liebe und technischer Brillianz, aber trotz allen modern-folkloristisch technischen Feuerwerks scheint das Stück selbst kaum mehr als eine musikalische Leibesübung.
Als Zugabe spielte man Castelnuovo-Tedescos Version des Largo al factotum. Ein Stück, das gerne Gefahr läuft, zu einer reinen Virtuosennummer zu werden, war bei Gabetta umwerfend komisch - in einem Affenzahn, der jeden Sänger erbleichen ließe. Baritonale Erdung gab der Pianist mit einem geschmetterten "Figaro", das sogar die Cellistin aus der Fassung brachte.
Applaus und Blumen. Aus dem großen Saal wehten sanfte Walzerklänge - wir ergriffen die Flucht.

PS: Sie trägt immer noch das silberne Negligé. Wann kommen eigentlich die Skride-Schwestern mal wieder vorbei?

Donnerstag, 22. Januar 2009

Messiaen, Schumann und Beethoven in Konstanz

Eine illustre Gesellschaft hat sich versammelt, darf man der Überschrift Glauben schenken, wobei man davon ausgehen muss, dass sich die drei Herren - wären sie tatsächlich anwesend gewesen - äußerst besorgt über den Gesundheitszustand der Konstanzer Bevölkerung gezeigt hätten. Die Grippe scheint ausgebrochen zu sein, anders lässt sich das permanente Husten und Niesen nicht erklären. Oder war das Publikum etwa unhöflich?
Das zumindest scheint der wackere Dirigent Vassilis Christopoulos angenommen zu haben, als er sich während Schumanns Cellokonzert in a-Moll mit düsterer Miene umdrehte und böse blinzelte, etwas, was man dem mit Begeisterung dirigierenden Griechen kaum zugetraut hätte.
Das Programm war solide, aber nicht überwältigend, Messiaen nach meiner bescheidenen Auffassung eine gelangweilte Aneinanderreihung von Tönen mit einem winzigen Ausbruch, Schumann etwas unstrukturiert, was nicht nur an den Attacca-Sätzen gelegen haben dürfte. Der Cellist strauchelte einmal deutlich, von unseren Plätzen (17. Reihe links) war leider nicht zu erkennen, woran es lag, wir vermuten, er ist am Cello hängen geblieben. Seine Zugabe (Bach - gibt es eigentlich noch jemanden, der als Zugabe NICHT Bach spielt?) war etwas kitschig angehaucht, mit ausuferndem Vibrato können sich Bach-Puristen nur schlecht anfreunden.
Nach der Pause (der Dirigent und die Hälfte der neuen Uni-Orchestergeneration waren anwesend, wobei der Schwerpunkt deutlich auf der Cellisten-/Kontrabass-Ecke lag) ging es weiter mit Beethovens 6. Symphonie, schön, aber das war es auch schon, keine großen Überraschungen, mir persönlich einfach zu fröhlich, das Gewitter im vierten Satz hätte gerne länger dauern dürfen, haben wir zu häufig Brahms gehört oder warum brauchen wir die düsteren Kracher?
Allerdings ist ohnehin anzunehmen, dass diese im Konzil ihre Wirkung verlieren würden, die Akustik ist ein Graus, das ist zwar nichts Neues, aber schön wäre doch, würde sich daran einmal etwas ändern.

Sonntag, 18. Januar 2009

Geliebte Clara

Über falsche Opuszahlen im Abspann wollen wir uns nicht aufregen, das wäre pedantisch. Aber dass den Zuschauern solche relativen Kleinigkeiten auffallen, lässt tief blicken, was die vorausgegangenen knapp zwei Stunden betrifft.
Was haben wir?
Einen fulminanten Beginn - Martina Gedeck als Clara Schumann spielt das Klavierkonzert ihres Mannes Robert, der am Rand des Konzertsaales steht, verzückt lächelnd, mit seinem Ehering spielend, der prompt runterfällt. Zoom auf Johannes Brahms, einen hübschen, sommersprossigen Jüngling, Clara ebenfalls verzückte Blicke zuwerfend. Er nimmt verträumt den Ehering an sich, Robert reißt ihn ihm aus der Hand, erzürnt.
Wir waren noch immer frohen Mutes und der Hoffnung, dass uns die Symbole im weiteren Filmverlauf nicht mehr mit dem Holzhammer eingemeißelt werden.
Nächste Szene: Brahms spielt in einer Hamburger Hafenkneipe seine Stücke, das Publikum ist begeistert, Clara ebenfalls, Robert rauscht beleidigt ab und auch unsere Begeisterung hält sich in Grenzen, als beim Klaviertrio in H-Dur plötzlich das Cello fehlt (aber ehrlich: wer braucht schon ein Cello?).
Es folgt ein Besuch des Wunderkindes Johannes bei Familie Schumann in Düsseldorf. Dass dort der Haussegen schief hängt, ist bereits klar geworden, als Clara von Robert gefragt wurde, ob es ihr denn nicht mehr reiche, sein Frauchen zu sein.
Offensichtlich nicht.
In der Folge wird Roberts Vorliebe für schlechten Rotwein äußerst deutlich (Holzhammer, siehe oben), im Suff schlägt er seine Frau, die es mit waidwundem Blick erträgt und nebenher weiterhin von Johannes angeschmachtet wird, der sich nicht entscheiden kann, ob er die Situation regeln oder mit den Kindern spielen soll, die er zu seinen Ungarischen Tänzen tanzen lässt, anstatt ihnen Gute-Nacht-Geschichten zu erzählen.
Robert ist neben seinen Wahnvorstellungen und seinem Alkoholismus damit beschäftigt herauszufinden, ob er denn besser auf Clara oder auf Johannes eifersüchtig sein soll, und wenn er dirigiert, sieht er aus, als wolle er jemanden mit dem Taktstock erdolchen, aber über solche Dinge ließe sich hinwegsehen, wären die Charaktere einigermaßen überzeugend gezeichnet. Kein Mensch erwartet, dass ein Film realistisch ist (wir sind in diesen zwei Stunden bescheiden geworden), aber dass Johannes Brahms am Tag nach seinem Einzug bei Schumanns halbnackt in Claras Zimmer kommt, wo sie im Nachthemd Klavier spielt, unter den Flügel kriecht und ihre Füße streichelt, das entbehrt jeglicher Grundlage und zeugt nicht von Respekt oder auch nur Wissen um die gesellschaftlichen Begebenheiten in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.
Martina Gedeck macht in weiten Teilen des Filmes ein Gesicht, als ahnte sie Böses und würde bitter bereuen, die Rolle angenommen zu haben, wobei sie mit Abstand am Überzeugendsten ist, auch wenn ihre Rolle auf die Aufopferung reduziert wird, die Clara dem kranken Robert entgegen bringt. Brahms ist über weite Teile ein richtig netter Kerl, aber genau aus diesem Grund nicht realistisch, und Schumann ist ein Versager, ein Säufer, eine Karikatur seiner Selbst und seiner tatsächlichen Krankheitsgeschichte.
Es stellt sich die Frage, ob die Regisseurin, die laut Werbung eine Nachfahrin (!) von Johannes Brahms ist, sich überhaupt mit der zahlreichen Literatur, die es zu diesem Thema gibt, beschäftigt hat, von den logischen Lücken im Plot (Vorgeschichte? Warum komponiert Clara nicht mehr? Was hat es mit Roberts "Stimmen" auf sich?) und der Unfähigkeit, die Handlungen der Figuren begreifbar zu machen, ganz zu schweigen.
Es ist besonders traurig, dass ein Stoff, der unendliche Möglichkeiten für einen grandiosen Film böte, so verarbeitet wurde, dass sich während der nächsten Jahre vermutlich kein Mensch mehr an die Thematik wagen wird.

Mittwoch, 14. Januar 2009

Good news again!

Kleiner Nachtrag - wir haben Friedrichshafen ebenfalls ins Programm aufgenommen.

Mittwoch, 28. Januar
Sol Gabetta und Henri Sigfridsson
Ludwig van Beethoven - Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 5 D-Dur op. 102/2
Dimitri Schostakowitsch - Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40
Cesar Franck - Sonate für Violoncello und Klavier A-Dur
Alberto Ginastera - Pampeana Nr. 2 op. 21 Rhapsodie für Violoncello und Klavier
Graf-Zeppelin-Haus, Friedrichshafen
Karten: gibt's für zwanzig Euro und werden am 19. Januar bestellt

Donnerstag, 14. Mai:
Kirill Gerstein, Royal Philharmonic Orchestra
W. Walton: Partita für Orchestra (1957)
F. Liszt: Konzert Nr. 1 Es-Dur
J. Brahms: 2. Sinfonie D-Dur op. 73
Graf-Zeppelin-Haus, Friedrichshafen
Karten: gibt's für 20 Euro und werden vermutlich Anfang April bestellt, falls es sich mit den Orchesterproben vereinbaren lässt

Sonntag, 11. Januar 2009

Good news, everyone!

Bildungsprogramm für die nächsten Monate:

Freitag, 20. Februar:
Sir Simon Rattle, Berliner Philharmoniker
Olivier Messiaen - Et expecto resurrectionem mortuorum für Blasorchester und metallenes Schlagzeug
Anton Bruckner - Symphonie Nr. 9 d-Moll WAB 109
Tonhalle Zürich
Karten: ausverkauft, Johannes schaut, ob er noch welche organisiert bekommt

Freitag, 6. März:
Emerson String Quartet
Joseph Haydn - Streichquartett Op. 74/1
Anton Webern - Bagatellen Op. 8
Béla Bartók - Streichquartett Nr. 3
Antonin Dvorak - Streichquartett Nr. 14 As-Dur op. 105
Tonhalle St. Gallen
Karten: kosten je nach Wunsch 16, 32, 38 oder 47 Franken und werden am 16. Januar bestellt

Sonntag, 29. März:
Hagen Quartett
Ludwig van Beethoven - Streichquartett Nr. 5 A-Dur op. 18 Nr. 5
Joseph Haydn - Streichquartett B-Dur op. 76 Nr. 4 Hob. III:78
Ludwig van Beethoven - Streichquartett Nr. 8 e-Moll op. 59 Nr. 2 Rasumowsky
Tonhalle Zürich (kleiner Saal)
Karten: kosten je nach Wunsch 20, 35, 50, 65 oder 75 Franken, bei Interesse bis 1. Februar melden!

Sonntag, 5. April (11.15 Uhr):
Kammermusik-Matinée
Joseph Haydn - Streichquartett d-Moll op. 103 Hob. III:83
Felix Mendelssohn - Stücke op. 81 für Streichquartett
Max Bruch - Oktett B-Dur op. posth. für Streicher
Tonhalle Zürich (kleiner Saal)
Karten: kosten 25 Franken, bei Interesse bitte bis 1. Februar melden!

Samstag, 2. Mai (16 Uhr):
Hagen Quartett, Antoine Tamestit (Viola)
Ludwig van Beethoven - Streichquartett c-Moll op. 18/4
Béla Bartók - Streichquartett Nr. 1 a-Moll op. 7
Johannes Brahms - Streichquintett G-Dur op. 111
Markus-Sittikus-Saal Hohenems
Karten: kosten 39 Euro, bei Interesse bitte bis 1. März melden!

Donnerstag, 18. Juni:
Belcea Quartett, Valentin Erben (Cello)
Franz Schubert - Streichquartett d-Moll D 810 Der Tod und das Mädchen
Franz Schubert - Streichquintett C-Dur D 956
Angelika-Kauffmann-Saal, Schwarzenberg
Karten: kosten 39 Euro, bei Interesse bitte bis 1. März melden!

Donnerstag, 3. September:
Tokyo String Quartet
Ludwig van Beethoven - Streichquartett G-Dur op. 18/2
Franz Schubert - Streichquartett B-Dur D 112
Ludwig van Beethoven - Streichquartett F-Dur op. 59/1
Angelika-Kauffmann-Saal, Schwarzenberg
Karten: kosten 39 Euro, bei Interesse bitte bis 1. Juli melden!

Sonntag, 18. Oktober:
Kuss Quartett, Paul Meyer (Klarinette)
Johannes Brahms - Streichquartett B-Dur op. 67
Johannes Brahms - Klarinettenquintett h-Moll op. 115
Markus-Sittikus-Saal Hohenems
Karten: kosten 35 Euro, bei Interesse bitte bis 1. Juli melden!